Festspieltagebuch Teil 6: Die Magie des Roten Teppichs

Nein, ich geh heute nicht in den Festspielbezirk. Selbst mit dem Risiko was zu versäumen. Gloria wurde heute Mittag im Hirschen gesehen. Die von Thurn und Taxis. Madleine von Schweden soll auch schon in der Stadt sein. Die Schwester einer Kollegin will sie gesehen haben. Wenn sie heute wirklich schon da ist, geht sie sicher im Rahmen des Amadeus Weekend zum Dinner in der Casa Austria. Da kommt man sowieso nicht rein.

Ich krame krampfhaft in meinem Unterbewusstsein nach Ausreden, warum es keinen Sinn macht, sich in die Fotografenschlange vor dem Festspielhaus einzureihen und ertappe mich, dass mein schlechtes Gewissen in mir nagt. Naja, schon mehr: mich auffrisst.
So wie gestern. Da wollte ich nach der Premierenauffahrt zu Cosi gleich nach Hause. Bilder bearbeiten und dann schlafen. Doch die Kollegen blieben noch zur Konzertauffahrt. „Man weiß ja nie“… und den Roten Teppich haben sie ja auch geklebt, samt Absperrung. Das wird normalerweise nur gemacht, wenn Premiere ist oder Promis erwartet werden.

Apropos Roter Teppich. Den gibt es ja seit heuer. Nicht klein und unscheinbar wie in den Vorjahren, so dass man ihn fast verschämt versteckt, sondern richtig rot und breit und wirklich ideal für uns zum Arbeiten. Seit 15 Jahren habe ich mich für einen Roten Teppich stark gemacht. Gut Ding braucht Weile. Schließlich ist so ein banaler Teppich mehr als nur ein Farbklecks auf internationalen Fotografenbildern. Das ist ein Symbol für Oberflächlichkeit, Glamour, Eitelkeit und Verlogenheit. Das passt doch nicht zu den feinsinnigen Festspielen. So ein Teppich ist aber auch Bühne, zeugt von Professionalität und ein Must für jeden größeren Event. Jedenfalls gibt es ihn jetzt. Und das im ersten Jahr, wo ich eigentlich aufgegeben hatte, für irgendetwas im Pressebüro zu kämpfen. Ich nehme was ich kriege und mache nur noch Auftragsarbeiten und Events, für die ich bezahlt werde. Fast. Denn gestern beim Konzert hat uns für das Straßenstehen keiner bezahlt. Dann wenigstens Bilder sparen. Nur beschriftete, bearbeitete und sinnvoll archivierte Bilder sind Kapital. Wenn auch Geringes, seit die Printmedienbranche in die Knie ging.
Manchmal ist es echt schwer, gegen die Kollegen zu bestehen. Das ist wie der Versuch sich nicht von Sumoringertaktiken beeindrucken zu lassen. Er ist garantiert stärker, braucht am Roten Teppich den Platz von drei Fotografinnen und die Wahrscheinlichkeit, dass ihm die ungeteilte Aufmerksamkeit des Promis zukommt, ist alleine aus eyetracking-technischen Gründen klar. Trotzdem schreien wir uns täglich die Seele aus dem Leib, um die VIPs zum Herschauen zu nötigen. Nur das Bild, wo alle zu dir schauen, zählt. Da hilft nur sich zwischen die Kollegen zu quetschen.
Wir stehen stundenlang im Festspielbezirk und hoffen, dass jemand vorbeikommt, für den zumindest der Kollektivvertrag von 40 Euro pro abgedrucktem Bild bezahlt wird. (Wird kaum mehr bezahlt. Letztens durfte ich einer bayerischen Zeitung 8 Euro verrechnen ☺)

Wir drücken trotzdem ab. Für die deutlich geliftete Mitziebzigerin im wirklich bezaubernden Kleid, die dann doch keiner kennt. Bei Donald Kahn, dem es sichtlich nicht so gut geht. Die Kollegen blitzen ihn gnadenlos nieder. Bei mir ist nach zweimal abdrücken Schluss. Das schreit mein Gewissen schon wieder Alarm. Lasst den Mann doch in Ruhe.
Warum sich Intendant Markus Hinterhäuser immer wieder aufregt, wenn ich ein Bild mit ihm mache, diesmal mehr wegen dem Krone-Redakteurs-Kollegen mache, kann ich nicht verstehen. Das wird unter Garantie nicht veröffentlicht und ist doch nur eine nette Erinnerung. Wir fotografieren uns übrigens ständig gegenseitig. Zu Beginn, um das Licht zu testen, später, um uns die Zeit zu vertreiben. Wir müssen einfach alles was wir sehen festhalten. Augenblicke einfrieren. Das ist auch eine Sucht.
Mucky Degn (Salzburgblicke, ORF) ist schon dazu übergegangen, die Kollegen zu interviewen. Sie hat es noch schwerer, den Promis Statements beim hineingehen zu entlocken. Das Festspielhaus selbst darf schon lange keiner der Societyfotografen mehr betreten. Teilweise kann ich es verstehen, denn wir sind zu viele. Alle zuzulassen, würde nicht gehen. Die Society Fotobranche hat sich verändert. Die Augenblicke, die festgehalten werden, sind nur noch inszeniert. Das wirkliche Societyleben findet woanders statt. Hinter verschlossenen Türen. Und ich muss mich während der Festspielzeit immer wieder ermahnen, dass ich über all dem Promijagen mein Leben nicht vergesse. Denn das findet nicht am Roten Teppich statt.

mangels aktueller Bilder vom Festspielbezirk: Die von gestern und vorgestern. Merkt doch eh keiner.